Interview zu LibreOffice: Wieviel Freiheit braucht freie Software?

Von Frank Martin Lauterwein am 5 November, 2010

"OpenOffice blutet aus" oder "Freiheit für OpenOffice" - Schlagzeilen wie diese haben in dieser Woche für Unruhe gesorgt. Der simple Hintergrund: Nach der Übernahme von Sun durch Oracle hatten die Open-Source-Schlüsseltechnologien OpenOffice.org, MySQL und die Programmiersprache Java den Besitzer gewechselt. Daraufhin hat nun ein großer Teil der bisher ehrenamtlich für OpenOffice.org tätigen Mitarbeiter die Entscheidung getroffen, zur Document Foundation zu wechseln und auf Basis des OpenOffice-Quellcodes ein eigenes  Bürosoftware-Paket zu entwickeln: LibreOffice.

Wir haben mit Thomas Krumbein gesprochen, Vorstand von OpenOffice.org e. V. und Gründungsmitglied der für LibreOffice verantwortlichen Document Foundation, um ein wenig Klarheit über das Office-Wirrwarr zu bekommen.

OnSoftware: Reißerische Schlagzeilen außen vor: Was ist denn nun wirklich geschehen? Wer hat OpenOffice verlassen, wer ist geblieben?

T. Krumbein: Was man vielerorts lesen konnte, ist schlichtweg falsch: Die deutschen Entwickler sind OpenOffice nicht verloren gegangen. Diese Code-Entwickler sind bei Oracle angestellt und dementsprechend sind diese Leute nicht mitgegangen. Ausgestiegen ist vielmehr die deutsche OpenOffice.org-Community, die im Prinzip für alles außer Code-Programmierung zuständig ist: Marketing, Lokalisierung, Qualitätssicherung, Übersetzungen, das sind alles Freiwillige, die eben nicht bei Sun und jetzt Oracle angestellt sind. Diese Leute haben sich der Document Foundation angeschlossen, die jetzt LibreOffice veröffentlicht.

OnSoftware: Wie kann man sich die Zukunft vorstellen?  Oracle entwickelt OpenOffice.org weiter und stellt den Code unter einer OpenSource-Lizenz zur Verfügung. Daraus entsteht dann ein LibreOffice?

T. Krumbein: Oh nein, das ist weit komplizierter. Das OpenOffice-Projekt entstand vor rund zehn Jahren, als Sun den Code frei gab. Jeder konnte sich den Code herunterladen und verändern. Sun hat den Hauptcode immer weiter entwickelt. Zwar konnte jeder im Prinzip Code schreiben und hinzufügen, musste aber mit Sun eine Vereinbarung unterschreiben, dass Sun eben die Rechte an dem Code Dritter bekommt. Auch die Entscheidung, welcher Code zugelassen wird, lag bei Sun. Das war also keine Community-, sondern eine Sun–Entscheidung. Weiterentwicklungen auf diesem Quellcode gab es schon immer. Die Document Foundation macht mit LibreOffice zum jetzigen Zeitpunkt an und für sich nichts anderes. Grundlage ist der frei zugängliche Core-Code, in den Entwicklungen Dritter eingebunden sind. LibreOffice ist also nicht mehr identisch mit OpenOffice.org.

OnSoftware: Was unterscheidet derzeit OpenOffice.org von LibreOffice?

T. Krumbein: Derzeit sind beide Softwarepakete noch recht ähnlich, das wird sich aber sicherlich immer weiter auseinander entwickeln. LibreOffice setzt auf OpenOffice 3.3 auf, ist dementsprechend also noch im Beta-Stadium, integriert aber schon Codes, die für Novell geschrieben wurden, bringt also ein paar andere Features mit, integriert etwa neue Oberflächenprojekte. Rund 40 Entwickler arbeiten an LibreOffice und haben bereits Code beigesteuert. Am auffälligsten ist derzeit vielleicht, dass wir bei LibreOffice nur einen Build anbieten, der alle Lokalisierungen, sprich: Sprachversionen beinhaltet.  Das Paket ist dadurch etwas größer. Das in OpenOffice enthaltene Startcenter fehlt bei LibreOffice ebenfalls. Auch auf die Maske mit freiwilliger Anmeldung haben wir verzichtet, weil das für uns nicht wirklich Sinn macht. Die Profilübernahme geschieht automatisch im Hintergrund. Aber wie gesagt: Derzeit sind das Kleinigkeiten.

OnSoftware: Könnte es denn passieren, dass Oracle den OpenSource-Gedanken aufgibt, und die kostenlose Variante der OpenOffice-Suite nicht mehr weiter entwickelt wird?

T. Krumbein: Rechtlich ist es so, dass der jetzige Stand des Codes immer frei sein wird. Bereits zu erkennen ist aber, dass zukünftige Entwicklungen nicht mehr unter Open Source gestellt werden. Wenn z.B. eine Erweiterung von Oracle programmiert wird, fließt diese erst mal nicht mehr in die freie Schiene sondern in die kommerzielle Variante ein. Viele Erweiterungen sind schon jetzt nicht mehr frei. Das ist ein erklärtes Ziel von Oracle. Dort wurde ganz klar gesagt, dass viele Features nicht mehr als freier Code angeboten werden. Oracle wird eine Art Basic OpenOffice.org anbieten, aber die Erweiterungen gibt es dann nicht mehr umsonst. Klar, die müssen ja auch Geld verdienen. Verwerflich ist das nicht.

Wir haben die Marke OpenOffice groß gemacht, und das wird uns mit LibreOffice genau so gelingen”

OnSoftware: Welche Reaktionen gab es auf die Entscheidung, die Document Foundation zu gründen und mit LibreOffice einen eigenen Weg einzuschlagen?

T. Krumbein: Einige Unternehmen wie Novell oder Google haben uns Unterstützung zugesagt. Für andere wie etwa IBM ist die Situation schwieriger. IBM hat gewisse Verträge mit Oracle und auch Programmierer, die bezahlt werden.

OnSoftware: Wie soll LibreOffice finanziert werden?

Krumbein: Wir haben in Deutschland eine Organisations-Struktur, die juristische Struktur befindet sich noch in der Gründung. Aber klar: Es geht nicht ohne Geld. Geld muss irgendwo herkommen. Derzeit haben wir jede Menge Absichtserklärungen von Novell bis hin zu Google. Was fehlt sind tatsächliche, konkrete Zusagen finanzieller Unterstützung. Allerdings haben wir bisher auch nichts gefordert und haben noch keine Strukturen, die jetzt direkt Geld benötigen. Spenden kommen derzeit ausschließlich von Privatleuten. Wir schaffen derzeit ja auch erst die Basis für die Stiftung, die dann natürlich mit Kapital ausgestattet werden muss. Das werden wir dann zu gegebener Zeit auch einfordern von all denjenigen, die uns jetzt die Unterstützung zugesagt haben.

OnSoftware: OpenOffice ist inzwischen ja eine starke Marke, da hat es LibreOffice sicherlich erst einmal schwer...

T. Krumbein: Das werden wir sehen. Denn den Namen OpenOffice haben wir als Community groß gemacht und nicht Sun. Deren Produkt nannte sich damals StarOffice. Und als der Name gar keinen Bekanntheitsgrad mehr hatte, ist Sun auf OpenOffice geschwenkt. Deswegen ist ja eigentlich diese Markenpolitik von Sun/Oracle auch nicht nachvollziehbar. Der Name OpenOffice.org wurde ursprünglich ja geschützt für die Community. Durch den Kauf von Oracle ging der Community der Name verloren. Oracle hat die Lizenz kurz nach dem Kauf geändert, den Namen unter Copyright gestellt. Wir können den Namen gar nicht mehr nutzen. Darin liegt das Problem. Es ist völlig unklar, wie die Wort-Bildmarke OpenOffice benutzbar ist. Da gibt es von Oracle keinerlei Auskunft. Wir mussten irgendwas tun, es ging gar nicht mehr anders. Wir haben die Marke OpenOffice in den vergangenen fünf Jahren groß gemacht, und das wird uns mit LibreOffice genau so gelingen.

OnSoftware: Also gibt es keine Hoffnung, doch noch mal mit Oracle gemeinsame Sache zu machen?

T. Krumbein: Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Oracle die Community doch noch unterstützt und auch den Namen OpenOffice wieder einbringt. Das wäre sicherlich auch ein markttechnisch sinnvoller Weg für Oracle. Denn wenn die Community sich komplett auf LibreOffice stürzt, ist der Markenname OpenOffice in fünf Jahren da, wo StarOffice heute steht.

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Leser-Kommentare

  • Berns. Berns.

    Recht haben die Leute von LibreOffice und man kann ihnen nur wünschen, dass sie Erfolg haben. Sollte die Entwicklung wirklich so erfolgen wie hier dargestellt, wird OpenOffice den Bach runter gehen. Und dann auch irgendwie zurecht.

    • Geschrieben am 06 Nov 2010
  • firehorse firehorse

    Mich würde interessieren wie es mit dem Logo von OOo ausschaut. Liegen diese Rechte jetzt auch bei Oracle? Wurden diese vom Entwickler abgetreten oder kann man zumindest damit Oracle für seine Lügen einen auswischen? Für LO alles Gute und viel Erfolg.

    • Geschrieben am 11 Nov 2010
  • minidiegi minidiegi

    Hallo, Pardus Linux setzt ab der Version 2011, die im Dezember erscheint, LibreOffice schon als Standard Bürosoftware ein. Sicherlich werden einige Linuxdistributionen folgen. Ich wünsche LibreOffice viel Erfolg.

    • Geschrieben am 23 Nov 2010
  • LinuxFanatic LinuxFanatic

    Mit der Voraussetzung einer guten Marketingstrategie seitens der Community und auch von jedem bewussten Endanwendern, wird meiner Ansicht nach LibreOffice - kurz LO - sogar noch erfolgreicher werden als es OpenOffice bereits ist. So sollte man beispielsweise die Öffentlichkeit mit Artikeln wie diesem ^^^ regelmäßig aufklären. Speziell Endanwendern sollten wissen, warum man jetzt von OOo auf LO wechseln "sollte" ... Dadurch werden Missverständlich präventiv vermieden, die sich evt. kurzfristig negativ auf die Bekanntheit von LO auswirken könnten ... Jedenfalls wünsche ich LibreOffice viel Erfolg und hoffe, dass LibreOffice wie der Firefox unter den Webbrowsern wird!!!

    • Geschrieben am 23 Nov 2010
  • Hadan Hadan

    Ich habe LibreOffice getestet. 1. Das Aufzeichnen von Makros in Calc funktionierte nicht. 2. Die Befehls-Ikons sind nicht so gut lesbar, wie bei OpenOffice. 3. Beim Einfärben des Hintergrunds von Zellen wird das Gitternetz, wie bei Excel, unsichtbar: das ist m.E. ein Fortschritt. hadan

    • Geschrieben am 19 Feb 2011
  • Helli Han Helli Han

    Ich (Rentnerin) habe StarOffice Writer 8 auf meinem Computer - Windows Vista, habe sämtliche Updates verpasst. Wie gehe ich vor, um mich jetzt November 2011 mit kostenloser Freeware up-to-date zu bringen, ohne dass ich etwas auf meinem Computer zerstöre? Man ist einfach verwirrt OOo / LO ... Danke für einen guten Tipp. Helli

    • Geschrieben am 07 Nov 2011
  • fmlauterwein fmlauterwein

    Hallo Heli,

    OpenOffice oder LibreOffice können Sie parallel zur bereits vorhandenen Software installieren. Welche der beiden Officeprogramme für Sie besser geeignet ist, müssen Sie natürlich selbst herausfinden. Da beide Programme kostenlos sind... einfach mal ausprobieren! Download OpenOffice, Download LibreOffice

    • Geschrieben am 09 Nov 2011
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